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Lebendiger Unterricht

Von Anna Buck

 Schülerdiplomaten berichten über das Leben in zwei Kulturen  

„Ich heiße Marie und meine Geschichte beginnt auf einem kleinen Hof bei Viborg, wo mein Vater aufgewachsen ist. Meine Mutter wuchs in der Nähe von Essen auf. In der Bibelschule bei Kolding traf sie meinen Vater. Sie heirateten und zogen nach Südschleswig. Ihre Kinder schickten sie auf eine dänische Schule, um sie in den beiden Kulturen aufwachsen zu lassen, die ihre Ehe beinhaltet“, referiert Lisa Marie Frederiksen. Sie steht zwischen mehreren Schülern, die ihre Geschichten bereits erzählt haben. Vor ihnen sitzen rund 30 Personen an langen Tischen und lauschen den Berichten der Schüler. Sie sind Lehrer aus Dänemark, die sich im Festsaal der Duborg-Skole versammelt haben, um von den Schülern etwas über die dänische Minderheit und das Leben in zwei Kulturen zu erfahren. Sie wurden eingeladen, weil sie, wie viele andere Menschen in Dänemark und Deutschland, bisher nur wenig über die Minderheiten im Grenzland wissen. „Ein weiterer Grund ist, dass einige Schüler aus Südschleswig in Dänemark mit Vorurteilen konfrontiert und als Preußen oder Nazi-Deutsche bezeichnet wurden“, erklärt Marie. „Wir wollen solche Reaktionen verhindern, indem wir über die Minderheit informieren.“

Die Schülerdiplomaten der Duborg-Skole

Seit vielen Jahren kommen Schulklassen oder Lehrergruppen aus Dänemark und Deutschland in das dänische Gymnasium, um sich vor Ort über die Minderheit und das dänische Schulsystem zu informieren. Während zuvor Lehrer oder vereinzelte Schüler die Besucher herumführten, übernehmen mittlerweile so genannte elevambassadører diese Aufgabe. Die Schülerdiplomaten erzählen ihre Lebensgeschichten und regen die Gäste dazu an, die Informationen in ihrem Unterricht aufzubereiten.

Das Projekt der Schülerdiplomaten besteht seit Frühjahr 2006. Seitdem fahren die Schüler der Duborg-Skole auch zu Ausbildungseinrichtungen in Dänemark, vor allem Gymnasien und Hochschulen. Meist reisen drei bis vier Schüler zu einer Klasse, wobei die Einrichtungen die Dauer des Aufenthaltes selbst festlegen können. Die Besuche erfolgen entweder in Verbindung mit speziellen Unterrichtsthemen, wie Minderheiten, Identität, Feindbilder oder Kulturtreffen, oder mit Fächern wie Staatswissenschaften und Geschichte. Bei diesen externen Besuchen erzählen die Schüler aus Südschleswig über ihren persönlichen Hintergrund und diskutieren verschiedene Themen, die vorher festgelegt werden. „Die Idee ist, anderen Schülern einen Einblick in das Leben in der Minderheit zu geben, wie es ist, in zwei Kulturen zu leben, zwei Sprachen zu sprechen und täglich darüber nachzudenken, ob man nun das eine ist oder das zweite oder etwas ganz anderes“, erklärt Jens Overgaard. Der Dänischlehrer ist gemeinsam mit seinem Kollegen Christian Skov und dem Grænseforening, ein Verein mit dem Ziel die dänische Minderheit in Dänemark bekannt zu machen, für das Projekt verantwortlich.

Elevambas
Die Schülerdiplomaten informieren dänische und deutsche Lehrer und Schüler über die dänische Minderheit in Deutschland.

 „Irgendwann endet es in einem großen Mix aus beiden Teilen“ 

Marie ist eine von etwa 50 Schülern, die sich für das Projekt der Schülerdiplomaten engagieren. Sie besucht die 12. Klasse und ist seit zwei Jahren dabei. Ihre Geschichte vom Leben in zwei Kulturen hat sie vorher lange geübt und trägt sie sehr selbstsicher vor – einen Teil auf Dänisch, den Rest auf Deutsch. „Während mein Vater immer dänisch mit mir spricht, spricht meine Mutter Deutsch mit mir. Ich habe immer konsequent Deutsch mit beiden gesprochen. Erst vor einigen Jahren habe ich begonnen, mit ihm Dänisch zu sprechen“, erinnert sich die 17-Jährige. Sie wurde nicht nur zweisprachig erzogen. Auch die Feiern der Familie spiegeln beide Kulturen der Eltern wider: „Weihnachten feiern wir immer unterschiedlich. Manchmal haben wir einen traditionell dänischen Weihnachtsabend mit der Dannebrog überall, Schweinebraten mit braunen Kartoffeln und Rotkohl und Ris á l`Amande als Dessert. Andere Male ist das Fest traditionell deutsch mit deutschen Gerichten wie Fisch.“

Früher war sie sich nicht bewusst darüber, was es bedeutet, Minderheit zu sein. Mittlerweile spielt die Zugehörigkeit zur Minderheit für sie eine große Rolle: So unterstützte sie den Wahlkampf des Südschleswigschen Wählervereins, SSW, und ist Mitglied im SSW-Ungdom, der Jugendabteilung der Partei. „Für mich bedeutet Minderheit zu sein, dass ich jederzeit zwischen den Kulturen und den Sprachen hin- und herwechseln kann und in einem großen Mix aus beidem ende“, sagt die Schülerdiplomatin, „Ich bin geprägt durch die zwei Kulturen meiner Familien, ihrem unterschiedlichen Humor und verschiedenen Regeln und Normen. So gibt es in den dänischen Familien beispielsweise viele Fettern- und Kusinenfeiern. Die gibt es in deutschen Familien nicht so häufig.“
Auf die Frage aus dem Publikum, als was sie sich denn beschreiben würde, sagt sie: „Ich bezeichne mich als Südschleswigerin, weil dieser Begriff zeigt, dass man beide Kulturen in sich trägt und in diesem System aufgewachsen ist.“ Ihr Aufwachsen in zwei Kulturen sieht sie als Chance. Wie sie die nutzten kann, wird sie sehen.

 

Bewusst werden über die eigene Geschichte

Die Geschichten der anderen Schülerdiplomaten sind der Geschichte von Marie ähnlich – aber irgendwie auch nicht. Sie enden alle in der Duborg-Skole, vorerst. Die Mehrheit der Schüler will später nach Dänemark. Einige wollen in den Süden. Einige fühlen sich in Dänemark deutsch und in Deutschland dänisch. Manche leben in zwei Kulturen, andere irgendwo dazwischen. „Wir wollen zeigen, woraus die Minderheit besteht. Das heißt, es gibt einige mit einem rein deutschen oder dänischen Hintergrund, andere kommen aus gemischten Familien und wieder andere aus dem Ausland“, weiß Jens Overgaard, „wir haben das ganze Spektrum.“
Warum die Schüler an dem Projekt teilnehmen, will einer der Zuhörer wissen. „Ich bin dabei, weil das Projekt auch dazu beiträgt, etwas über sich selbst zu erfahren, und sich selbst bewusst darüber zu werden, warum man ein Teil der Minderheit ist“, antwortet Marie auf die Frage und beendet damit ihre Geschichte. „Aber auch, um etwas über die dänische Kultur zu lernen, indem wir in die dänischen Schulen fahren und uns mit den dänischen Schülern austauschen.“ Dabei werden Fragen wie, ab wann man dänisch ist, diskutiert. Muss man dafür die Sprache verstehen? In Südschleswig gibt es Menschen, die sich im Herzen dänisch fühlen, aber weder Dänisch sprechen noch wissen, wie die Dänen in Dänemark leben.

Wissen um Wurzeln wahrt die Minderheit

Nicht nur die Schüler nördlich wie südlich der Grenze profitieren von dem Projekt. Die Duborg-Skole selbst hat großes Interesse an dem Austausch. „Viele unserer Schüler wussten vor dem Projekt wenig über ihren Hintergrund, über die Schule, und was es bedeutet auf diese Schule zu gehen“, erklärt Duborg-Rektor Ebbe Rasmussen. „Für uns und unseren Fortbestand ist es aber wichtig, dass die Schüler verstehen, wer sie sind und woher sie kommen. Das Projekt hat zu diesem Verständnis beigetragen.“

Das Projekt verbreitet das Wissen über die Geschichte Südschleswigs und verdeutlicht die Qualität des Aufwachsens in zwei Kulturen. Zudem vermittelt es den Schülern ein Bewusstsein über die eigene Identität und die eigenen Wurzeln. Und vielleicht trägt das Projekt auch dazu bei, dass dieses Bewusstsein erhalten bleibt und die Schüler eines Tages wieder dahin zurück finden. Um vielleicht so das Wesen der Minderheit zu bewahren.

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